FAQ - häufig gestellte Fragen

1. Woher stammen die Altlasten auf dem Gelände der Stadtwerke Rinteln?
Es handelt sich um Produktionsrückstände aus vergangenen Tagen: In der Zeit von 1896 bis 1964 stand das Gaswerk der Stadt Rinteln auf dem heutigen Stadtwerkegelände. Wie in vielen anderen Städten auch wurde früher hier aus Kohle und Koks Gas erzeugt, das sogenannte Stadtgas. Es wurde für die Straßenbeleuchtung verwendet, aber auch zum Kochen und Heizen. Sicherheitsvorkehrungen, wie sie heute Standard sind, gab es damals nicht. Deshalb drangen Rückstände, wie Schlacke und Ammoniak, die bei der Produktion entstanden sind, zum Teil in den Boden ein. Auf dem Stadtwerke Gelände wurden zwei Schadensherde identifiziert; die sogenannten Hotspots sind im Bereich der ehemaligen Gasproduktion und im Bereich der ehemaligen Abfallsammelanlage. Zum Hintergrund: Das Erdgasnetz in Deutschland wurde erst in den 1960er Jahren aufgebaut.

2. Sind die Belastungen ausschließlich im Boden des Stadtwerke-Areals oder auch im Grundwasser darunter gefunden worden?
Die Altlasten konzentrieren sich im Stadtwerke-Areal auf den Boden. Ein Teil der Stoffe ist jedoch auch im Grundwasser zu finden. Die Altlasten im Boden sind in den Bereichen der ehemaligen Gasproduktion und der ehemaligen Abfallsammelanlage; sie stammen aus dem Betrieb des ehemaligen Gaswerks, das bis 1964 Stadtgas erzeugte. Über die Jahre sind Stoffe aus dem Boden in geringen Mengen auch ins Grundwasser gelangt, das dort sehr langsam fließt. Deshalb wird jetzt das Grundwasser saniert.

3. Gibt es auch Belastungen außerhalb des Stadtwerke-Geländes?
Die Umgebung des Stadtwerke-Areals ist ebenfalls gründlich untersucht worden. Außerhalb des Stadtwerke-Areals finden sich lediglich Cyanide in abnehmender Konzentration im Grundwasser mancher direkt benachbarten Flächen, insbesondere auf dem Bahngelände Richtung stillgelegter Bahnlinie. Das Grundwasser bewegt sich in diesem Bereich sehr langsam in Richtung der stillgelegten Bahnlinie und Richtung Weser. Erhöht sind die Werte nur auf dem Betriebsgelände der Stadtwerke und im Bereich der Bahngleise. Davon abgesehen liegen die gemessenen Werte außerhalb des Stadtwerke-Areals überall unter den gesetzlichen Vorgaben.  

 4. Welche Stoffe müssen beseitigt werden?
Bei den Untersuchungen auf dem Gelände der Stadtwerke wurden insgesamt drei Stoffe als belastend identifiziert. Diese sind Cyanid, Stoffe der Gruppe PAK und Acridinon. Sie zählen zu den typischen Altlasten aus der Stadtgas-Produktion. Die auf dem Stadtwerke-Gelände gefundenen Stoffe sind komplex und größtenteils schwer wasserlöslich. Sie verbleiben zum Großteil im Boden. Ein Teil der Cyanide zersetzt sich und findet den Weg ins Grundwasser. Bei den Cyaniden besteht Handlungsbedarf; sie werden beseitigt. Bei PAK und Acridinon sind die Werte so niedrig, dass keine Sanierung stattfinden muss.

5. Findet eine Sanierung des Bodens oder des Grundwassers statt?
Das Grundwasser unter dem Stadtwerke-Areal wird saniert. Dieses wird schon jetzt in einem künstlich hergestellten Kreislauf auf dem Stadtwerke-Areal geführt. Die Cyanide werden in diesem Bereich biologisch abgebaut. Die Arbeit leisten Mikroorganismen.

6. Welches Verfahren wird für die Sanierung angewandt?
Bei dem gewählten Verfahren zersetzen Mikroorganismen die Schadstoffe und sorgen so dafür, dass die Belastung schnell zurückgeht. Es sind winzige Helfer, die bereits vor der Sanierung im Boden auf dem Stadtwerke-Areal gelebt haben. Ihre Population wird jetzt künstlich erhöht, damit sie die Cyanide schneller wegfressen können. Dabei handelt es sich nicht um eine bestimmte Art von Bakterie, sondern um mehrere Arten von Cyanid-Fressern. Das Wachstum der Kolonien fördert man durch Zusatznahrung in Form von Zuckerlösung und Sauerstoffzufuhr.

7. Was wäre als alternatives Sanierungsverfahren in Frage gekommen?
Beim konventionellen Verfahren wird der Boden in den belasteten Zonen ausgehoben und als gefährlicher Abfall entsorgt. Das Gelände der Stadtwerke ist jedoch seit Jahrzehnten komplett überbaut. Hier hätte man vor dem Bodenaushub zunächst alle Gebäude abreißen und Wege sowie Höfe zurückbauen müssen. Zudem hätte das Grundwasser separat saniert werden müssen. Bei konventionellen Verfahren wäre es hochgepumpt, über komplexe Filteranlagen geführt und dann wieder zurückgepumpt worden.

8. Wie genau funktioniert das gewählte Sanierungsverfahren?
Eine ausführliche Beschreibung des Verfahrens haben wir auf unserer Website veröffentlich.

 9. Die Entsorgungs-Arbeit leisten Mikroorganismen. Wo kommen diese Cyanid-Fresser her?
Das sind Mikroorganismen, die bereits vor der Sanierung im Boden auf dem Stadtwerke-Areal gelebt haben. Sie fressen Cyanide und bauen sie auf diese Weise ab. Das ist nichts Besonderes, denn Cyanide kommen fast überall als natürliche Stoffe im Boden vor und liefern Nahrung für verschiedene Mikroorganismen. Bei diesem Sanierungsverfahren greift man auf die Kolonien aus dem Boden vor Ort zurück. Denn sie haben sich über die Jahre optimal an die Bedingungen dort angepasst und fühlen sich rundum wohl. Lediglich die Anzahl der Mikroorganismen muss erhöht werden, um schnell eine deutliche Abnahme der Belastung zu erreichen. Das erzielen die beauftragten Fachfirmen durch die Zugabe von Zuckerlösung als Starternahrung.

10. Wo leben diese Cyanid-Fresser normalerweise?
Es sind zahlreiche Mikroorganismen bekannt, die in der Lage sind, Cyanide abzubauen. Die meisten sitzen im Boden und warten darauf, dass ihnen cyanidbehaftetes Wasser zufließt. So gelangen sie an ihre Mahlzeit. Aber nicht alle bleiben am Boden angeheftet. Ein gewisser Prozentsatz ergreift die Chance und lässt sich im freien Grundwasser treiben – in der Hoffnung, einen Platz zu finden, wo das Nahrungsangebot noch besser ist.

11. Welche Stoffe scheiden Cyanidfresser nach ihren Mahlzeiten aus?
Die Mikroorganismen verdauen Cyanide und spalten sie dabei auf. Wie bei uns, wird ein Teil der Nahrung ausgeschieden, ein anderer Teil eingebaut. Die Cyanide bestehen aus Kohlenstoff- und Stickstoffbestandteilen. Letztere verwerten die Mikroorganismen, um Proteine herzustellen, die sie einbauen. Der Kohlenstoff wird ausgeschieden, durch die Zugabe von Sauerstoff als CO2. Das löst sich im Wasser auf und fließt davon.

12. Ist das Gelände des neuen Kindergartens in irgendeiner Weise mit Schadstoffen belastet?
Nein. Der Boden ist frei von Verunreinigungen. Das Grundstück, auf dem der neue Kindergarten errichtet worden ist, wurde im Rahmen des Planungs- und Genehmigungsverfahrens gründlich untersucht. Dazu wurde das Grundstück in acht Felder eingeteilt, die jeweils einzeln systematisch beprobt worden sind. Die Werte aller analysierten Stoffe waren unauffällig. Sie lagen entweder unterhalb der Nachweis- oder unterhalb der strengen Vorsorgewerte der Bundesbodenschutzverordnung für Kinderspielflächen. Der Boden auf dem Gelände ist zum Spielen, Buddeln und Bepflanzen in vollem Umfang geeignet.
Lediglich im Grundwasser, das sich im Mittel rund 5 Meter tief unter der Erdoberfläche befindet, sind Cyanide nachweisbar. Eine natürliche Lehmschicht deckelt das Grundwasser nach oben ab. Es darf dem Grundwasser hier kein Wasser entnommen werden; der Bau eines Brunnens ist verboten.

13. Wie sind die Stadtwerke in Abstimmung dem Landkreis vorgegangen?
Im Jahr 2015 hat der Landkreis Schaumburg systematisch Standorte untersucht, auf denen aufgrund früherer Nutzung Altlasten vorhanden hätten sein können. In diesem Zug sind auch die Rückstände auf dem Stadtwerke-Areal in Rinteln entdeckt worden. Im zweiten Schritt folgten in den Jahren 2016 bis 2020 umfangreiche Untersuchungen des Bodens und Grundwassers auf dem Areal wie auch in der unmittelbaren Umgebung. Seitdem diese abgeschlossen sind, kümmern sich die Stadtwerke in enger Abstimmung mit dem Landkreis um die Sanierung der Schadensherde. Parallel dazu betreiben sie ein kontinuierliches Monitoring des Grundwassers. Die beauftragten Fachunternehmen beobachten die Qualität und den Pegel, wie auch die Fließgeschwindigkeit des Wassers und die Grundwasserströme, die durch die Hotspots fließen, um daraus Schlüsse für das weitere Vorgehen ableiten zu können. Seit September 2021 ist das Sanierungsprojekt für jedermann im Internet einsehbar. Dort wird die Öffentlichkeit seither auch über alle neuen Erkenntnisse und Ergebnisse auf dem Laufenden gehalten.

14. Gibt es außerhalb des Stadtwerke-Areals private Grundstücke, die von den Altlasten des Gaswerks tangiert sind?
Ja. Eines. Es liegt vom Stadtwerke Gelände aus gesehen in Richtung Weser und Bahngleise. Die Cyanid-Fahne im Grundwasser erreicht dieses Grundstück.

15. Sind die Verhältnisse auf diesem Grundstück auch genau untersucht worden?
Bislang nicht. Es sind drei Messstellen rund um das Grundstück errichtet worden und ein Hausbrunnen östlich dieses Grundstücks untersucht worden, jedoch auf dem Grundstück selbst wurden noch keine Untersuchungen durchgeführt. Das hat folgenden Grund: Um eine Messstelle für ein kontinuierliches Grundwassermonitoring einzurichten, braucht man schweres Gerät wie eine Raupe oder ein Bohrgerät. Dafür muss das Gelände zugänglich sein; zudem wird es durch die Bohrungen in Mitleidenschaft gezogen, was die Stadtwerke durch die Bohrungen rund um das Grundstück vermieden haben.

16. Ist die Trinkwasserversorgung betroffen?
Nein. Die Trinkwasserversorgung in Rinteln ist von den Altlasten unter dem Stadtwerke-Areal nicht betroffen. Im Bereich des Stadtwerke-Areals wird kein Wasser für die Trinkwasserversorgung gefördert. Die Brunnen, aus denen Trinkwasser gefördert und aufbereitet wird, liegen auf der anderen Weserseite. Die Weser bildet sozusagen zusätzlich einen natürlichen Schutzwall.

17. Wie schnell fließt das Grundwasser im Bereich des Stadtwerke-Areals? Und in welche Richtung?
Das Wasser im Bereich des Stadtwerke-Areals, den sogenannten Niederterrassen der Weser, fließt in Richtung stillgelegter Bahnlinie und sehr langsam. Im Durchschnitt bewegt es sich in einem Jahr 140 Meter. Eine Schnecke ist eine Rakete dagegen, sie schafft es im Schneckentempo auf immerhin 36.800 Meter pro Jahr.  

18. Was passiert, wenn Cyanide mit Luft und Licht in Berührung kommen? 
Cyanide reagieren sehr empfindlich auf Luft und Licht. Sie unterliegen einer UV-Oxidation. Das heißt, Sonnenlicht zerstört sie. Deshalb könnte man auch in Gärten, deren Nutzer mit Cyaniden belastetes Brunnenwasser, zum Gießen verwendet hätten, keine Rückstände des Stoffes finden. 

19. In welcher Tiefe kommen die Schadstoffe außerhalb des Stadtwerke-Geländes vor?
Die Cyanide kommen außerhalb des Stadtwerke-Areals nur im Grundwasser vor und lediglich unterhalb von drei Grundstücken: dem Bahngelände, dem Kindergarten-Gelände und dem eines Einfamilienhausbesitzers in unmittelbarer Nachbarschaft. Die Grundwasser führende Schicht befindet sich im Mittel in rund 5 Meter Tiefe und ist nach oben durch eine natürliche Lehmschicht abgedichtet. Der Boden auf diesen Grundstücken kann ohne Einschränkung zur Bepflanzung von Lebensmitteln genutzt werden. Er ist absolut in Ordnung

20. In welcher Tiefe sind Schadstoffe auf dem Stadtwerke-Areal vorhanden?
Es gibt auf dem Stadtwerke-Gelände zwei Schadensherde, sogenannte Hotspots. Diese befinden sich im Bereich der ehemaligen Gasproduktion und im Bereich der damaligen Abfallentsorgungsanlage ab einer Tiefe von 0,5 Metern. Dort ist die Belastung sowohl im Boden vorhanden als auch im Grundwasser darunter. Die dort identifizierten komplexen Cyanide und die polyzyklisch aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK) bleiben zum Großteil vor Ort im Boden gebunden und bewegen sich nicht weg. Begünstigt wird dies, da der Boden am Standort des ehemaligen Gaswerks seit Jahrzehnten versiegelt ist – Gebäude, Höfe, Wege – und deshalb kein Wasser eindringen kann.

21. Was passiert bei Hochwasser?
Bei einem Hochwasser der Weser steigt auch das Grundwasser an. Nach bisherigen Erkenntnissen steigt es im Bereich des Stadtwerke-Areals auf bis zu 3 Metern unterhalb der Bodenoberfläche an. Da in diesem Fall Wasser von der Weser hochdrückt, dürfte die Belastung des Grundwassers in Hochwasserzeiten eher niedriger sein als bei Normalwasser. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Grundwasserqualität bei Hochwasser gibt es bislang jedoch noch nicht.

22. Wird das Grundwasser auf und rund um das Stadtwerke-Areal regelmäßig beobachtet und analysiert?
Ja. Es gibt mittlerweile insgesamt über 100 Messstellen auf dem Gelände und der unmittelbaren Umgebung, wovon 60 Messstellen als Sanierungsbrunnen und mehr als 40 Messstellen für ein sehr engmaschiges Monitoring verwendet werden. Neben der biologisch-chemischen Zusammensetzung des Grundwassers werden folgende Parameter gemessen und berechnet: Pegelstände, Fließgeschwindigkeit, pH-Wert, Sauerstoff, Leitfähigkeit und Redoxpotential.

23. Gibt es sonst noch Rückstände, die man im Auge behalten muss?
Von anderen Standorten ehemaliger Gaswerke kennt man seit Jahren die typische Zusammensetzung des Rückstände-Cocktails. Am Standort Rinteln hat man den Boden auf diese Stoffe untersucht. Dabei wurde nur ein kleiner Teil identifiziert; es sind die Cyanide (Salze und andere Verbindungen der Blausäure), Stoffe der PAK-Gruppe und Acridinon, ein Abbauprodukt von Acridin. Handlungsbedarf besteht lediglich bei den Cyaniden.

24. Was ist Acridinon?
Acridinon ist ein Abbauprodukt von Acridin; es ist ein typischer Vertreter im Rückstands-Cocktail von ehemaligen Gaswerken. Über deren Auswirkungen auf den menschlichen Organismus lässt sich noch sehr wenig sagen, da der Stoff bisher dafür zu wenig erforscht ist.

25. Was sind Cyanide?
Cyanide kommen auch in der Natur nahezu überall vor; meist jedoch in niedriger Konzentration. Es gibt sehr viele unterschiedliche Mikroorganismen, die in der Lage sind, Cyanide umzubauen. Auch am Standort des ehemaligen Gaswerks in Rinteln gibt es Vorkommen von unterschiedlichen Mikrooganismen, die sich gern von Cyaniden ernähren. Die Populationen haben sich über das vergangene Jahrhundert gebildet und dort angesiedelt. Diese vorhandenen Populationen werden jetzt gezielt zum Wachstum angeregt, um die dort vorhandenen Cyanide schneller abbauen zu können. 100 Prozent biologisch also.