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Zähler mit Handylicht auslesen

Stadtwerke Rinteln bauen bei 1000 Kunden neue digitale Stromzähler ein

RINTELN. Man sieht sie vielleicht einmal im Jahr. Sie hängen in jedem Haushalt, im Keller, Flur oder Treppenhaus: die schwarz lackierten Stromzähler. Eigentlich nicht mehr als ein Elektromotor mit definierter Bremse, der seit Jahrzehnten verlässlich und verschleißfrei den Stromverbrauch zählt. Diese Kästen werden bald Objekte für Museen sein, verdrängt von der Digitalisierung und ab diesem Jahr sogar per Gesetz. Das nennt sich „Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende“ und verpflichtet auch die Stadtwerke Rinteln, nach und nach die alten Zähler auszutauschen, wenn deren „Beglaubigungsdatum“ abgelaufen ist. In diesem Jahr schätzt Thomas Sewald, technischer Leiter der Stadtwerke, werde man in Rinteln und im Auetal rund 1000 Zähler auswechseln. Das ist der Anfang.

Dafür wird beim Kunden eine neue Adapterplatte montiert, dann der digitale Stromzähler aufgesteckt. Künftige Wechsel bedeuten für einen Monteur also nur noch drei Handgriffe, für die nicht einmal mehr der Strom abgeschaltet werden muss.

Weitere Vorteile: Auf dem Smart-Meter lassen sich problemlos Doppeltarife wie die Rückeinspeisung über eine Fotovoltaikanlage ablesen. Auf dem Display kann man sogar, wenn man es will, die Verbrauchswerte der letzten zwei Jahre in Form von 730 Einzelwerten ermitteln.

Ablesen lassen sich die Werte über einen lichtempfindlichen Sensor, die sogenannte „optische Taste“ die sich mit der Taschenlampenfunktion des Handys aktivieren lässt (kein Witz). Wie man das macht, dazu gibt es im Internet Videos, sogar einen lustigen, satirischen Beitrag der Sendung „Extra dry“. Wer mehr wissen will, bekommt von den Stadtwerken beim Zählertausch eine Gebrauchsanweisung.

Doch auch die neue „Messeinrichtung“ definiert noch nicht die Endstufe des digitalen Stromzählers. Denn noch fehlt ein Funkmodul. Nach wie vor können die Stadtwerke nicht am Computer in den Stadtwerkebüros am Bahnhofsweg anlesen, wann gerade ein Kunde wie viel Strom verbraucht.

Das werde erst möglich sein, erläuterte Sewald, wenn auch die sogenannten Gateways montiert sind. Den Platz dafür gibt es an der neuen Steckplatte bereits. Doch noch sei bisher kein Gateway auf dem Markt, das den Ansprüchen der Datenschützer genüge, also sicher vor Hackern ist.

Durch die Energiewende nehmen aber gerade die sensiblen Schnittstellen zu, weil Stromproduzenten, Netzbetreiber und Endverbraucher stärker miteinander vernetzt werden.

Ein Gateway muss deshalb drei unterschiedliche Netzarten, die es miteinander verbindet (Lokales Metrologisches Netz LMN, Weitverkehrsnetz WAN und Heimnetz HAN) mit Firewall-Mechanismen voneinander abschotten können. Außerdem muss sichergestellt sein, dass nur Kommunikationsverbindungen von innen nach außen aufgebaut werden können, nicht umgekehrt. Daneben müssen sämtliche Kommunikationen grundsätzlich verschlüsselt und integritätsgesichert werden.

Zuletzt hieß es, die Zertifizierung der intelligenten Messgeräte sei Ende 2017 zu erwarten. Doch bisher hat sich nichts getan.

Ein „Black out“, wie es der Bestseller-Autor Marc Elsberg beschrieben hat, ist bei uns so also noch nicht vorstellbar. Das Horrorszenario des Buches, bei dem am Ende die öffentliche Infrastruktur zusammenbricht, wird dadurch ausgelöst, das Hacker Smart-Meter manipulieren und damit das Stromnetz instabil machen und letztlich zusammen brechen lassen.

Trotzdem kann ein Kunde dem Smart-Meter weitere Informationen über den aktuellen Stand seiner Haustechnik entlocken. Dafür gibt es Geräte im Handel. Die Idee dahinter: Kunden steuern ihren Stromverbrauch und sparen damit.

Wie praxisnah das ist, kann man bezweifeln. Die Kaffeemaschine läuft morgens, egal, wie teuer der Strom ist. Kühlschrank und Gefriertruhe laufen rund um die Uhr, weil sonst die Fischstäbchen auftauen. Lampen hingegen leuchten nachts, weil es dunkel und nicht, weil gerade der Strom billig ist. Unterhaltungselektronik gönnen sich die Menschen, wenn sie Zeit dazu haben.

Auch andere Ideen sind noch Utopie. Beispielsweise die Vorstellung mancher Besitzer einer Fotovoltaikanlage, er sei damit autonom, produziere seinen eigenen Strom unabhängig vom Netz. Das tut er in Wirklichkeit aber nur als Rechnungseinheit. Sewald sagt: „Insellösungen gibt es bei uns noch nicht.“

Übrigens: Wer eine neue Messeinrichtung bekommt, wird drei Monate vorher darüber informiert und danach mit ihm ein Termin abgestimmt.

© Schaumburger Zeitung, 21.03.2018

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