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Im Sonntagsstaat durch die Natur

Eg Witt stellt bei den Stadtwerken sein neues Buch "Aussicht" vor

Der Rintelner Künstler Eg Witt ist Maler und Bildhauer, der es – international angekommen – bis in renommierte Galerien und in den öffentlichen Raum geschafft hat. Dann hat sich Witt aufs Schreiben verlegt. Selbst da malt er – mit Worten. Wie in seinem neuen Buch „Aussicht“, das er in der Kantine der Stadtwerke vorgestellt hat.

Die Wahl des Ortes ist kein Zufall, immerhin stehen Witt-Werke auf dem Stadtwerke-Gelände, wie Jürgen Peterson als Gastgeber zu Beginn des Abends erinnerte. Soll heißen: Wir fördern lokale Künstler.

Den Part des Vorlesers hatte Frank Suchland übernommen; eine gute Wahl, denn Suchlands Stimme passte perfekt zu Witts Lautmalerei. Für Atempausen sorgte Stephan Winkelhake am Klavier, gewohnt professionell, der Pianist unterrichtet an der Kreisjugendmusikschule. Den Zuhörern, die locker den Raum füllten, es mussten sogar noch Stühle herbeigeschafft werden, präsentierte Suchland Textproben aus den „Lamento“-Kapiteln und einige von Witts Gedichten.

Wenn Witts Alter Ego Alfred Kaltenbach auf Wanderschaft entlang der Weser geht, malt Witt Bilder vom „Mörtelgrau“ des Wassers und vom „Zementton“ des Himmels. Witt besingt die Kirschblütenpracht im Mai in Todenmann als „Gala-Inszenierung“. Und wenn die Blütenblätter fallen, sei alles weiß „ohne ein Fitzelchen Asphalt“.

Übt Witt Kritik an Landverbrauch und Umweltzerstörung, wird seine Sprache derb. Baggerseen sind „Löcher“, hier geht der „Kiesglaub“ um. Nicht Kiesklau, das weiß auch Witt, da der „Glaub“ mit seinen Scheinchen ohnehin „jeden Bauern rumkriegt“, damit „Frau Großkotz“ ihre dritte Garage bauen kann. Wenn er ein „Riesentrumm von Kipplaster“ sichtet, „bis zum Überlaufen befüllt mit Kies“, dann fährt bei Witt der Laster keineswegs einfach nur auf der Straße, sondern „wollte sich gerade davonmachen“.

Die kühle Distanz eines Analytikers ist Witts Sache nicht. Wenn er Stellung bezieht, scheut er auch Polemik nicht und pflegt seine Feindbilder wie die „Pfaffen“, deren Wirken er unser gestörtes Naturverständnis ankreidet, steht doch in der Bibel: „Macht euch die Erde untertan.“

Und Witt kann nicht verstehen, was hierzulande „für ein Geschiss“ um die Wiederansiedlung des Seeadlers gemacht wird, blendet aber aus, was es dort statt der Kiesseen geben könnte: Mais bis zum Horizont. Auch nicht gerade kuschelig für den von Witt geliebten Feldhamster.

Natur ist in Deutschland nun einmal Natur aus zweiter Hand, wie die Auenlandschaft Hohenrode und wie die Lüneburger Heide.

In das Buch schleicht sich dann auch Witts Eingeständnis, dass es früher keineswegs besser war. Witt erzählt, wie sie sich als Kinder aus Spaß mit warmen, stinkenden Abwässern aus Kanalrohren an der Weser besprüht hätten, „weil wir nie auf die Idee gekommen wären, dass hier Erwachsene etwas Schlimmes zuließen“.

Witt dokumentiert mit Fotos, wie noch seine Eltern im feinen „Sonntagsstaat, festlich herausgeputzt“, in die Natur gegangen sind – nicht in „Outdoor-Klamotten“, wie man das heute macht.

Mit seinen „Vital Stocks“, im Wald gesammeltes Astwerk, veralbert er die Nordic-Walking-Stöcke aus Aluminium oder Kohlefaser.

Es ist ein prächtiger Text- und Bildband, illustriert mit Bleistift- und Filzstift-Skizzen. Ein Buch, das sich gut im Regal macht. Jedes Buch der Erstauflage enthält eine signierte Farbgrafik „Big-Schaum-Burger“ – Mensch frisst Landschaft.

Am Ende der Lesung stellte Witt den von ihm entworfenen und von Bettina Fuhg in der Goldschmiedewerkstatt in Minden hergestellten „Weserring“ vor. Ein Ring, in dessen Design auch die Quellflüsse Werra und Fulda einbezogen sind. Fuhg habe das jetzt in Silber umgesetzt. Ein Ring auch für Herren. Da er keine geschlossene Form besitzt, kann er auf die gewünschte Größe angepasst werden.

© Schaumburger Zeitung, 03.11.2018; Foto: wm

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